Wann kommt der „Raucher-Check“? Und wann übernimmt Kollege Computer endgültig die Diagnose? 

Rosenheim. Die Radiologie spielt in der modernen Medizin eine immer wichtigere Rolle: Immer feinere bildgebende Verfahren liefern nicht nur entscheidende Informationen über Verletzungen und Erkrankungen der Patienten: „Unser Fachgebiet hat sich von der reinen Diagnostik zu einem klinischen Partner aller anderen Fächer für die Diagnostik, die Differentialdiagnose aber auch die Therapie weiterentwickelt“, betont Tagungspräsident Prof. Dr. med. Gunnar Tepe, Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum Rosenheim. Zum zweitgrößten Jahreskongress für Radiologen und Medizinisch-Technische RadiologieassistentInnen (MTRAs) bzw. Radiologietechnologen (RTs) im deutschsprachigen Raum werden vom 26.-28.09.2019 rund 900 Teilnehmer im Kultur- und Kongresszentrum Rosenheim erwartet. 

Zu den Hot Topics des wissenschaftlichen Fortbildungsprogrammes gehören beispielsweise die moderne Versorgung von Schlaganfallpatienten, die Frage, wie Digitalisierung und der Einzug künstlicher Intelligenz die Arbeit von Radiologen, Neuroradiologen und Kinderradiologen in Zukunft verändern werden, sowie das nach wie vor kontrovers diskutierte präventive Lungenscreening („Raucher-Check“), welches Patienten mit besonders hohem Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, das Leben könnte, hierzulande aber weiterhin nicht in Sicht ist. 

Ø Radiologie 2030 – Wird der Computer zum Chefarzt? 

Die Digitalisierung und der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz werden die Arbeit der Radiologen beeinflussen – aber nicht überflüssig machen, ist Gunnar Tepe überzeugt. Gute Algorithmen könnten in Zukunft große Datenmengen, welche moderne CT- und MRT-Geräte liefern, sehr viel schneller auswerten helfen. Walter Märzendorfer, langjähriger Siemens Healthineers-Geschäftsführer für den Bereich Radioonkologie und Computertomografie, wird darstellen, wie die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten sowie MTRAs/RTs in der Klinik und in der Praxis im Jahr 2030 wohl aussehen wird. „Welche Aufgaben werden wir dann noch haben und welche werden wir vielleicht neu haben? Ich bin gespannt!“, sagt Gunnar Tepe.

Ø „Raucher-Check“ – Wann kommt das Lungenscreening?

Experten weltweit empfehlen für spezielle Risikopatienten wie starke Raucher die regelmäßige Lungenkrebsvorsorge per niedrigdosierter Computer-Tomographie. Das CT-Screening kann Karzinome der Lunge bereits im Frühstadium aufspüren. Entdeckt der Radiologe einen möglichen Herd, muss der Patient sich allerdings weiterer invasiver Abklärungsmaßnahmen unterziehen, die wiederum mit Komplikationen und Risiken einhergehen können. In Deutschland scheitert die Einführung allerdings bereits an der Gesetzgebung und nicht zuletzt an der Frage, wer und unter welchen Bedingungen die Kosten übernimmt. Zu den international renommierten Befürwortern des Lungenscreenings zählt Prof. Dr. Matthias Prokop (Nijmegen/NL), sein Vortrag beim Rosenheimer Röntgen-Kongress wird mit großem Interesse erwartet.

Ø Schlaganfallversorgung in Deutschland und in Österreich – profitieren von regem Austausch

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Es besteht Lebensgefahr bzw. ein hohes Risiko für schwerste bleibende Schäden. 270.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Schlaganfall, 24.000 trifft es in Österreich. Meist ist ein Blutgerinnsel (Thrombus) Schuld, welches eine Hirnarterie verschließt. Immer mehr Patienten mit schwerem ischämischen Schlaganfall profitieren inzwischen von der sogenannten mechanischen Thrombektomie: Spezialisierte Neuroradiologen oder interventionelle Radiologen gelangen per Katheter über die Leiste bis zur blockierten Stelle im Gehirn vor, wo sie den Thrombus mithilfe eines sogenannten Stent-Retrievers, einer Art winzigem Fangnetz, bergen und abziehen. Die detaillierte Darstellung der Gefäße per CT-Angiografie dient dabei zur Auswahl der geeigneten Patienten. Die moderne neuroradiologische Bildgebung dient aber auch dazu, andere Ursachen für die Ausfallerscheinungen wie Hirnblutungen oder einen Tumor auszuschließen und zu klären, welche Patienten von welcher Behandlungsmaßnahme profitieren können.

Die flächendeckende Versorgung von Schlaganfallpatienten in Deutschland in zahlreichen klinischen Zentren mit zertifizierten Spezialisten gilt weltweit als hervorragend. Indes: „Österreich ist hier ähnlich gut aufgestellt wie Deutschland“, betont Tagungspräsidentin Prof. Dr. med. Elke R. Gizewski, Direktorin der Universitätsklinik für Neuroradiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. In Tirol beispielsweise optimiere seit zehn Jahren der „Schlaganfallpfad Tirol“ kontinuierlich und von den Krankenkassen gestützt die Versorgung. Darin sind die effizienten Abläufe in den verschiedenen Behandlungsstufen vom Notruf bis zur ambulanten Reha detailliert festgeschrieben. „Andererseits haben wir das Zertifizierungssystem der Deutsche Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie adaptiert und uns hier mit der Deutschen Fachgesellschaft zusammengetan. Man sieht: Wir profitieren von einem regen Austausch!“

Ø Technische Innovationen und die wichtige Rolle der MTRAs/RTs

Das dreitägige Tagungsprogramm bietet wesentliche Einblicke in die technische Weiterentwicklung von Untersuchungsverfahren und vermittelt deren bestmöglichen Einsatz im Alltag. Es richtet sich an niedergelassene wie an in Kliniken tätige Fachärzte, an junge Radiologen in Ausbildung sowie an das medizinisch-technische Fachpersonal, welches ein eigenes, auf spezifische Berufsbedürfnisse zugeschnittenes Fortbildungsprogramm erwarten darf. „Ohne die tägliche enge Zusammenarbeit mit unseren MTRA-Kollegen könnten wir dem Patientenwohl nicht in gleicher Weise dienen“, unterstreicht Gunnar Tepe. „Ich freue mich auf einen spannenden und gewinnbringenden Austausch mit allen Kollegen in Rosenheim!“