Dr. Andreas Lemke im Interview

Dr. Andreas Lemke ist studierter Medizinphysiker und hat lange im Bereich MRT geforscht. 2018 gründete er zusammen mit seinem Partner Dr. Jörg Döpfert (heute CTO von mediaire) und zwei Radiologen das Unternehmen mediaire. Das Ziel: akkurate medizinische Diagnosen für jeden jederzeit zugänglich zu machen.

Hallo Andreas, mediaire gibt es seit 2018. Damit wart Ihr eines der ersten Unternehmen, die KI für die Befundung eingesetzt haben. Was hat sich seit damals verändert? 

Zuallererst hat sich die Technologie deutlich weiterentwickelt. Insbesondere im Bereich Deep Learning hat sich viel getan. Aber auch der Markt und somit die Ansprüche der Kunden haben sich stark verändert. Während wir zu Beginn einen stärkeren Fokus auf Forschungseinrichtungen hatten und noch viel ausprobiert haben, konzentrieren wir uns heute ganz klar darauf, echten Mehrwert im klinischen Alltag und im Arbeitsalltag der radiologischen Praxen zu schaffen. 

Was bedeutet das konkret? Welche Auswirkungen hat die technologische Entwicklung? 

Für uns und unsere Kunden zum Glück eine sehr positive. Denn wir haben von Beginn an auf Deep Learning gesetzt, während einige unserer Mitbewerber eher klassische Machine Learning Algorithmen im Einsatz hatten und teilweise noch bis heute nutzen. Sehr vereinfacht gesagt: Dadurch können wir schnellere und präzisere Ergebnisse mit weniger Aufwand und kleineren Datensätzen erreichen. 

Du hast auch erwähnt, dass sich die Kundenanforderungen verändert haben. Was genau wollen oder brauchen denn Eure Kunden? Und woher wisst Ihr das? 

Wir stehen schon von Beginn an in engem Austausch mit der Radiologie- Community und es sind zwei Radiologen bei uns im Team. Und natürlich sprechen wir regelmäßig mit unseren Kund:innen. Zusätzlich haben wir ja nun auch eine Nutzungsstudie durchgeführt, um noch besser zu verstehen, was der Markt braucht. Zusammengefasst kann man ganz klar sagen: Es geht darum, ausgereifte Produkte auf den Markt zu bringen, denen man qualitativ vertrauen kann und die den Arbeitsalltag wirklich erleichtern. Und dann muss das Preis- Leistungs-Verhältnis auch stimmen.



Die KI-gestützte Befundung bietet einige Vorteile. So können z. B. bei der Differentialdiagnostik von Demenzen, Strukturen, wie der Hippocampus, objektiv quantifiziert werden. Zudem erleichtern farbliche Markierungen im Bild die Befundung. Visuell aufbereitete Reports bilden eine ideale Basis für Gespräche mit Kolleg:innen und Patient:innen. 

Und? Hand aufs Herz, wo steht Ihr bzw. die Industrie allgemein diesbezüglich? 

Ich kann hier natürlich in erster Linie nur für uns sprechen, aber ich glaube schon, dass die Industrie das allgemein erkannt hat und versucht, sich darauf einzustellen. Man muss in dem Kontext vielleicht erwähnen, dass viele Radiolog:innen in den letzten Jahren eben auch negative Erfahrungen gemacht haben. Die jetzt wieder vom Gegenteil zu überzeugen, ist kein leichter Weg. Wir gehen das konsequent an und glauben, dass sich Qualität und Geschwindigkeit letzten Endes durchsetzen werden. 

Was meinst Du mit „negativen Erfahrungen“ und wie wollt Ihr das in Zukunft besser machen? 

Naja schau, das ist eigentlich ganz einfach. Zu Beginn war die Präzision der Tools noch relativ schlecht, zudem hat es meist ziemlich lange gedauert, bis die Befunde dann bereitstanden. Oft waren sie dann noch nichtmal direkt in den Workflow im PACS oder RIS integriert. Und dafür haben viele Unternehmen dann noch einen horrenden Preis verlangt. All diese Punkte haben wir immer wieder von unseren Kunden gespiegelt bekommen und kontinuierlich daran gearbeitet. Und inzwischen kann ich aus Überzeugung sagen: Wir haben ein wirklich zuverlässiges Produkt mit sehr guter Präzision. Keiner ist schneller als wir. Ein Report ist üblicherweise in drei bis fünf Minuten erstellt und all das passiert mit einem Klick. Wenn gewünscht auch vollautomatisch direkt ins PACS. So wird der Workflow der Radiolog:innen nicht unterbrochen und es ist kein Systemwechsel notwendig. Ich muss meinen radiologischen Bericht also nicht zweimal anfassen, um die Ergebnisse der KI mit einfließen zu lassen. 

Aber ist das nicht sehr subjektiv, ich habe noch nie einen CEO eines Unternehmens sagen hören: „Unsere Produkt ist schlecht, langsam und zu teuer“ (lacht). 

(Lacht auch). Ja, das wäre auch wirklich nicht ratsam! Aber der Punkt ist durchaus wichtig. Gerade, weil Unternehmen natürlich immer auch kommerziell getrieben sind und ihre Produkte verkaufen wollen, ist es wichtig, hier eine gewisse Objektivität ins Spiel zu bringen. Auch für ein junges Unternehmen wie uns. Wir können es uns überhaupt nicht leisten, unsere Reputation aufs Spiel zu setzen. Wir haben nicht hunderte andere Produkte und Lösungen, für die wir bekannt sind und die für Professionalität und Qualität stehen, wie zum Beispiel einige unserer großen Wettbewerber. Wir müssen deshalb mit diesem Produkt und dem, was wir jeden Tag tun, Vertrauen bei unseren Kund:innen schaffen. Deshalb versuchen wir, so viele unabhängige Studien wie möglich zu unterstützen und nehmen an externen Challenges, wie der MICCAI Challenge3 teil, die wir ja dann zum Glück letztes Jahr auch gewinnen konnten.

Das sagt mir jetzt spontan nichts, was ist denn die MICCAI Challenge und wo sucht Ihr sonst noch den objektiven Vergleich? 

Naja, in unserer Community ist die MICCAI Challange sowas wie der Oscar für die Filmbranche. Es ist ein internationaler Wettbewerb, bei dem die führenden Forschungsinstitutionen, aber auch große Firmen, wie zum Beispiel Siemens, antreten, um die Güte ihrer Algorithmen unter standardisierten Bedingungen zu vergleichen. Dass wir hier mit unserem Läsionsalgorithmus die Nase vorn hatten, erfüllt uns natürlich mit Stolz, wie Du Dir sicher vorstellen kannst. Zudem hält in die Radiologie auch ein Konzept Einzug, was man eigentlich eher aus der Labormedizin kennt: der gute alte Ringversuch. Hierbei wird eine Probe aufgeteilt, an verschiedene Labors geschickt und dann die Ergebnisse verglichen. Das geht natürlich auch mit MR-Bildern und standardisierten Fragestellungen, wie zum Beispiel: „Messe mir mal das Volumen des Hippocampus aus.“ Auch hieran nehmen wir teil, um kontinuierlich unsere Qualität zu testen und uns zu verbessern. Ansonsten lassen wir natürlich unsere Produkte auch durch unsere Kunden und Kooperationspartner unabhängig validieren. Daten hierzu wurden schon auf Kongressen vorgestellt, die ersten Vollpublikationen sollten noch in diesem Jahr verfügbar sein. Gerade erst auf dem ECR in Wien haben wir wieder mehrere Arbeiten präsentiert, unter anderem eine Studie zur Befundungseffizienz, wo wir klar zeigen konnten, dass man mit unserem mdbrain System Zeit sparen kann und gleichzeitig die Befundungsqualität sichert bzw. sogar erhöht4. Wer uns auf Social Media folgt und regelmäßig unsere Website besucht, kann sich hier gerne genauer informieren. 

Eure Studie zeigt ja, dass das Preis-Leistungsverhältnis bei KI-Tools von vielen noch als unzureichend empfunden wird. Wie reagiert Ihr darauf? 

Das ist zugegebenermaßen die größte Herausforderung für uns. Wir müssen als Unternehmen auch stabile Umsätze erwirtschaften, um am Markt bestehen zu können. Gerade wir als relativ junges Unternehmen haben keine anderen Einnahmequellen, über die wir uns querfinanzieren können. Trotzdem haben wir uns dazu entschieden, mit einem für unsere Kunden sehr attraktiven Preismodell in den Markt zu gehen. Unserer Beobachtung nach haben wir das fairste Preismodell im Markt. Ganz besonders, wenn unser Produkt viel im Einsatz ist, können wir sagen, dass es sich insgesamt lohnt. Denn dann kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen eine echte Effizienzsteigerung durch die Reduktion von Befundungszeit, zum anderen aber auch ein Qualitätsgewinn, der sich positiv auf Patient:innen und Zuweiser:innen auswirkt. Einige Praxen bieten die KI-Befundung auch sehr erfolgreich als IGeL-Leistung an. Noch lohnenswerter wird es dann in naher Zukunft, wenn wir unsere Knie- und Prostata-Produkte im Markt haben. Dann kommt die Effizienzsteigerung noch stärker zum Tragen. 

Vielen Dank für das Gespräch. Wir sind gespannt wie es bei Euch und mit der ganzen Thematik weiter geht. 

Ich bedanke mich! Wir werden auf jeden Fall weiterhin unser Bestes geben, um zu zeigen, was mit KI in der Befundung alles möglich ist.

www.mediaire.de