Perfekter Match 

Im Frühjahr 2021 wurde Mint Medical von Brainlab übernommen. Im Gespräch mit Guido Gebhardt erklärt Stefan Vilsmeier, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Brainlab, weshalb das innovative Unternehmen, das mit Strukturierten Befunden bemerkenswerte Erfolge erzielt hat, für ihn so attraktiv ist.

14_Brainlab - StefanVilsmeier 2
Da die Bestrahlungsparameter in den Krebsregistern oftmals nur lückenhaft dokumentiert sind, haben wir nach Wegen gesucht, mithilfe Strukturierter Radiologiebefunde eigene Daten zu erfassen. Mit Mint Medical haben wir ein Unternehmen gefunden, das unseren Erwartungen in jeder Hinsicht entspricht.“ 

Stefan Vilsmeier, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Brainlab 

Herr Vilsmeier, weshalb passt Mint Medical so gut zu Brainlab? 

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. In der Strahlentherapie ist es oft schwierig, die Dosiswerte miteinander zu vergleichen, da nicht genau dokumentiert wird, welcher Teil des Tumors wieviel Dosis abbekommen hat. Im deutschen Krebsregister wird bei der Bestrahlung beispielsweise nur erfasst, ob die zu behandelnde Person mit einer Strahlentherapie behandelt worden ist, in wie vielen Sitzungen sie welche Dosis abbekommen hat und ob kleine, mittlere oder große Komplikationen aufgetreten sind. 

Seit einiger Zeit sind wir dabei, ein Patient:innen-Register aufzubauen, das deutlich mehr Parameter erfasst. Es wird darin genau dokumentiert, welcher Teil des Tumors welche Dosis abbekommt. Damit haben wir Daten in einer Feinheit entwickelt, die dazu beitragen, die Bestrahlungsdosis zu optimieren. 

Unsere Datensammlung gibt uns sehr viel mehr Möglichkeiten, Therapien zu personalisieren. Die große Herausforderung der Zukunft ist, für jede Patientin oder Patienten die perfekte Dosis zu finden. In unseren Registern haben wir schon immer das Follow-up erfasst und relativ mühsam händisch den Verlauf quantifiziert: Aber nicht mit allen dazu relevanten Nebendiagnosen und nicht so, wie Radiolog:innen denken. 

Als wir feststellten, dass oft bereits die Eingangsdaten lückenhaft sind, haben wir uns gedacht, wir brauchen einen vernünftigen, digital strukturierten, standardisierten Radiologiereport. Mit Mint Medical haben wir ein Unternehmen gefunden, das genau diese Strukturierten Befunde mit komplexen Auswertungen anbietet. Das Interessante daran ist, dass die klinischen Onkolog:innen gar nicht unbedingt Bilder ansehen wollen, sondern ihre Entscheidung oftmals basierend auf Strukturierten Berichten treffen. 

Zahlreiche Studien zeigen, dass ohne Struktur im Befund wesentliche Elemente fehlen, die für die Therapie relevant sind. Nachdem die Zeiten für Follow-ups immer kürzer werden, sind die Unterschiede von einem Scan zum andern immer geringer. Heute kann man diese subtilen Änderungen fast nur noch mit digitalen Methoden objektiv beurteilen, um exakt zu quantifizieren und zu entscheiden, ab welchem Zeitpunkt der Tumor wieder gewachsen ist.

Inwiefern profitiert Brainlab vom Mint Medical Know-how? 

Die vorher beschriebene Kopplung von Befund und Bild ist besonders für die nachgelagerte Auswertung relevant. Da kommt jetzt Brainlab ins Spiel und das ist natürlich eine interessante Synergie. Wir arbeiten an einem digitalen Patient:innenmodell, das die Anatomie erkennt und semantisch versteht. 

Diese Erkenntnis können wir einsetzen, um viele Klicks für die Befundlokalisation einzusparen. Wenn ich heute Lungen befunde, muss ich erst mal den Tumor einzeichnen oder anklicken, in welcher Region der Tumor in der Lunge liegt. Noch in diesem Jahr werden wir einen Prototypen vorstellen, mit dem das deutlich schneller geht. 

14_Brainlab - Female Radiologist
Der technologiegestützte und kontextsensitive radiologische Befundungsprozess von Mint Medical schließt die Lücke zwischen Bild und Befundbericht und schafft eine strukturierte und zugleich ganzheitliche Sicht auf die individuelle Patient:innensituation und Krankengeschichte.

Indem wir nun die Kompetenzen von Brainlab, das semantische Verständnis der Anatomie, und Mint Medical, mit der strukturierten Analyse von Bildern, bündeln, ist eine Lösung entstanden, die die Anatomie selbstständig erkennt. 

Bei der Befundung von Lymphknoten ist die Software jetzt in der Lage, im Viewer direkt zur richtigen Schicht zu springen. Damit verfügen wir über ergonomische Shortcuts, die bereits bei der Erstbefundung hilfreich sind. Und bei den Follow-ups erwarten wir einen deutlich geringeren Zeitaufwand. Deshalb war Mint Medical für Brainlab der ideale Match. 

Und was bedeutet das für die weitere Diagnose beziehungsweise Therapieverlauf?

Wir sind davon überzeugt, dass die Strahlentherapie in Tumorboard-Meetings schon sehr viel früher involviert sein sollte. Es gibt viele Beispiele, bei denen die Strahlentherapie als Primärtherapie kurativ sinnvoll ist. Heute werden schon mehr gutartige Gehirntumore mit einer Strahlentherapie behandelt als operiert.

Insofern halte ich es für sinnvoll, diese longitudinalen Daten in der Radiologie sehr früh mithilfe eines strukturierten Prozesses zu erfassen. Mit belegbaren Registerwerten können wir sehr viel besser feststellen, mit welcher Therapie die Tumorlast kurzfristig reduziert werden kann.

Wenn künftig die Strahlentherapie mit bis zu fünf Fraktionen pro Woche in der Lage ist, innerhalb von zwei Wochen einen Großteil des Tumors zu entfernen, wird es selbst für die Kombinationstherapie sehr viel interessanter. Mit unserer räumlichen Aufbereitung der Daten liefern wir den Tumorboard-Meetings detaillierte Informationen für objektive Entscheidungen.

Radiolog:innen bevorzugen beispielsweise MIPS, die klinischen Onkolog:innen sind daran interessiert, die Tumorlast zu reduzieren und die Pulmolog:innen betrachten gern die Atmungskapazität. Die Strahlentherapeut:innen interessiert dagegen die Nähe zu bestimmten Risikoorganen. So hat jede Fachärztin oder Facharzt eine andere Sichtweise auf die Patient:innen. Durch eine digitale Aufarbeitung und Erfassung der Daten liefern wir dem Tumorboard eine Ansicht, diese unterschiedlichen Perspektiven zu berücksichtigen. Die Digitalisierung baut eine Brücke, um die einzelnen Fachgebiete zusammenzubringen. 

Bedeutet das auch, dass es Ihnen mithilfe der Technologie von Mint Medical gelingt, die Tumortherapie weiter zu individualisieren und personalisieren?

Ja, das heißt es. Dadurch, dass wir mit Mint Medical immer einen Bezug zwischen dem Befund und einem Bild haben, können wir genau feststellen, wo sich die Läsion befindet.

Nachdem wir für jeden einzelnen Bildpunkt ein Mapping haben und damit in unserem digitalen Modell quasi eine universelle Adresse definieren, sind wir in der Lage, über viele Patient:innen hinweg, nach Informationen zu suchen. Nach dem Konzept des digitalen Zwillings ist es möglich, selbst bei 10.000 Patient:innen mit anatomischen Unterschiedlichkeiten, nach denen zu suchen, die der betreffenden Patientin oder Patienten am ähnlichsten sind und herausfinden wie sie erfolgreich therapiert wurden. Das funktioniert für die Radiochirurgie, die Chemotherapie und die Strahlentherapie in gleicher Weise. 

Brainlab ist eines der wenigen Software- Unternehmen, das mit Daten und Registern eine gewisse Klammer über die klinischen Onkologiebereiche spannt. Mit der detaillierten Erfassung zahlreicher diagnostischer und therapeutischer Parameter in Patient:innen-Registern ließe sich vielleicht sogar der Aufwand von klinischen Studien reduzieren und der Abstand zwischen Routineversorgung und klinischen Studien verringern. 

Ich bin mir sicher, dass digitale Methoden zukünftig wesentlich dazu beitragen, die Qualität der erfassten Daten in den Registern zu erhöhen, um bessere Therapieentscheidungen zu treffen. 

Die radiologischen Bilddaten von Mint Medical helfen uns also ein Karten-Ecosystem zu schaffen, in dem wir KI-basiert Landmarken erkennen können, um Eingriffe nicht nur automatisiert, sondern auch individualisiert und personalisiert zu planen. 

Sie sprachen anfangs von einer „interessanten Synergie“. Inwiefern profitiert in diesem Zusammenhang Mint Medical von Brainlab? 

Brainlab ist in 116 Ländern vertreten und hat mehr als 6.000 Kunden. Damit bieten wir Mint Medical die Möglichkeit, sehr rasch zu internationalisieren und sich weltweit zu etablieren. Matthias Baumhauer, der Gründer und Geschäftsführer von Mint Medical, hat es also mit uns geschafft, sein einstiges Start-up zum weltweit agierenden Unternehmen zu entwickeln. Brainlab und Mint Medical sind wirklich ein perfekter Match.

www.brainlab.com/de 

www.mint-medical.de